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Demmer über Zucco

Lieber Harald,
seit sieben Jahren bist du nun Schauspieldirektor am Pfalztheater Kaiserslautern. In der aktuellen Spielzeit hast du dich entschlossen das Stück „Roberto Zucco“ von Bernhard-Marie Koltès zu inszenieren. Was war der besondere Anreiz für dich an diesem Stoff?


Der Autor Bernhard-Marie Koltès hat in den 80er Jahren sehr besondere Stücke geschrieben. Fremd, spannend, mit einer tollen Sprache und ungewöhnlichen Gedanken. Roberto Zucco war sein letztes Stück. Er ist noch vor der Premiere mit 41 Jahren an Aids gestorben.
Anlass für dieses Stück war ein gesuchter Mörder auf der Flucht (er hatte die Fahndungsfotos der Polizei im TV gesehen) und die Geiselnahme von Gladbeck. Aus diesem sehr aktuellen Material hat Koltès ein Bühnenstück geformt.

Die Handlung ist schnell umrissen. Protagonist ist der Serienmörder Roberto Zucco, der ohne jedwedes Tatmotiv Menschen umbringt.

Das Thema ist natürlich heikel. Es gibt, besonders in der französischen Literatur, die Frage nach dem Mord ohne Motiv. Die große Vorlage ist sicher „Der Fremde“ von Albert Camus. Was bringt einen Menschen dazu, einen anderen zu töten, wenn es nicht aus Habgier, Rache, Eifersucht oder ähnlichen nachvollziehbaren Gründen geschieht. Diese Handlung verstört uns extrem und lässt sich nur schwer nachvollziehen. Wir werden auch als Zuschauer in einer gewissen Ratlosigkeit zurückgelassen. Aber gerade das macht auch die Spannung des Stückes aus.

In deiner Inszenierung wird ein düsteres Bild gezeichnet: So hält sich Roberto Zucco vorwiegend in einem zwielichtigen Milieu auf. Handlungsorte und Begleitmusik erinnern zuweilen an einen Film Noir. Sind Bühnenbild und Atmosphäre als eine Art Spiegelbild bzw. Veranschaulichung des Seelenzustandes der Figur Zucco zu interpretieren?

Das Stück besteht aus 15 Szenen. Fast alle spielen im Halbdunklen, d.h. in der Dämmerung, vor Morgengrauen, im Regen, nachts. Ja, der Autor hat diese trüben Zeiten und Orte schon sehr bewusst gewählt. Der Bühnenraum sollte darüber hinaus etwas labyrinthartiges bekommen. Es hat sicher mit dem verwirrten und verwirrenden Seelen- und Geisteszustand Zuccos zu tun.

Wenn du in einem Satz die Fragen beantworten müsstest, warum man das Stück unbedingt sehen sollte, wie würde deine Antwort lauten?

Die Nachrichten darüber, dass Menschen töten ohne Notwendigkeit, häufen sich. Der Amoklauf von Christchurch, der live gefilmt ins Netz gestellt wird, als Krankenpfleger Niels Högel, der grundlos über 100 Patienten tötet, dass Attentat auf dem Frankfurter Hauptbahnhof, wo ein Mann, ein ihm unbekanntes Kind vor den Zug wirft, usw. Warum? Das Stück beschäftigt sich mit diesen Fragen. Es ist unbedingt spannend darüber nachzudenken.

Vielen Dank dafür, dass du dir Zeit für dieses Interview genommen hast!

Bitte sehr.


Am kommenden Samstag, dem 05. Oktober, haben Sie die Gelegenheit „Roberto Zucco“ auf der Werkstattbühne des Pfalztheaters Kaiserslautern zu sehen. Für die weiteren Vorstellungstermine im Oktober gibt es allenfalls Restkarten.